Der letzte Wächter
Das Mausoleum ragte wie ein stummer Wächter aus dem Nebel empor. Seine steinernen Wände waren vom Zahn der Zeit gezeichnet. Im bleichen Licht des Mondes warf es verzerrte Schatten über den verwilderten Friedhof, auf dem es einst erbaut worden war. Wie ein gieriges Ungeheuer hatten sich Efeuranken an der Fassade emporgewunden, ganz so als wollte sich die Natur das Bauwerk zurückholen. An diesem verlassenen Ort herrschte nichts als Stille. Nicht mal das Zwitschern der Vögel oder das Rascheln der Blätter im Wind war zu vernehmen. Nebelschwaden krochen über den moosbedeckten Boden. Beerdigt wurde hier seit langem niemand mehr, denn es hieß, der Ort sei verflucht. Dennoch war es seit jeher die Aufgabe zweier Männer den Friedhof zu bewachen. Umgeben von jahrhundertealten, verwitterten Grabsteinen, von denen einige bereits umgestürzt waren, hielten bis heute stets zwei Bewohner des nahegelegenen Dorfes des Nachts Wache. Marco war ein älterer, etwas betagter Mann, der dieser traditionellen Arbeit bereits viele Jahre nachging. Sein deutlich jüngerer Begleiter Antonio war noch wenig vertraut mit der Aufgabe. Jedes Mal, wenn er den Friedhof betrat, fühlte er sich unwohl, als würde ihm ein finsterer Schatten auf Schritt und Tritt folgen.
»Das sind nichts als Hirngespinste«, sagte Marco, als er mit Antonio durch das marode Friedhofstor trat. Er spürte dessen Anspannung und wollte ihm aufs Neue versichern, dass ihm keine Gefahr drohte. »Ich wache über diesen langsam vor sich hin modernden Friedhof nun schon so viele Jahre und nie ist hier irgendetwas seltsames geschehen.« Er seufzte. »Ich frage mich, wozu wir uns überhaupt die Nächte hiermit um die Ohren schlagen müssen.«
»Wegen des Mausoleums und dem was damals hier geschehen ist«, entgegnete Antonio flüsternd, während er sich beunruhigt umsah.
»Wenn du mich fragst, sind das alles nur Ammenmärchen«, sagte Marco gelassen.
»Das hoffe ich sehr«, murmelte Antonio so leise, dass sein Begleiter ihn nicht hören konnte.
Schweigend liefen sie zwischen den Grabsteinen entlang. Es schien, als würde auch dies wieder eine Nacht voller Langeweile werden. Doch als sie das Mausoleum passierten, zerriss ein unheilvolles Knarren die Stille der Nacht. Das schwere Tor aus schwarzem Eisen, das es stets fest verschlossen hielt, erzitterte unter einem unsichtbaren Windstoß.
»Was war das?«, fragte Antonio erschrocken.
»Bestimmt nur der Wind.« Marco winkte ab.
»Es ist vollkommen windstill«, gab Antonio zu bedenken. Marco hielt inne. Mit ernster Miene sah er erst seinen Begleiter an und ließ dann seinen Blick zum Mausoleum schweifen. Das Tor stand offen.
Mit einem letzten erstaunten Blick auf Antonio schritt Marco auf das Tor zu.
»Geh nicht dort hinein«, rief dieser ihm im Flüsterton hinterher.
»Wir müssen. Es ist unsere Aufgabe das Mausoleum zu bewachen«, entgegnete Marco und winkte ihn zu sich heran. »Nun komm. Gewiss will uns nur jemand einen Streich spielen.«
Antonio trat neben ihn. »Jemand, der in Besitz des Schlüssels ist?«, fragte er ungläubig. Sein Finger deutete auf das Schloss, das keine Spuren gewaltsamen Eindringens aufwies, doch von dem Schlüssel fehlte jede Spur. »Es ist gespenstisch.«
»Unsinn«, warf Marco ein und betrat das Mausoleum. Widerwillig folgte Antonio ihm.
Hinter dem Tor lag ein Raum aus grob behauenem Stein, der von Rissen durchzogen war. Auf dem Boden reihten sich Marmorplatten aneinander, deren Inschriften kaum noch zu erkennen waren. Eine dieser Platten war entzweigebrochen. In einer fremden Schrift graviert und mit einer dicken Staubschicht bedeckt, lag sie da wie ein stummer Zeuge des Ungeheuerlichen. Durch den Spalt offenbarte sich eine verwitterte Wendeltreppe aus bröckelndem Kalkstein, die tief unter die Erde führte.
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Lektorat:
„Die Flinke Feder“