Auszug aus Heimsuchung
Ein lautes Poltern riss Nevio aus dem Tiefschlaf. Mit weit aufgerissenen Augen saß er in seinem Bett und starrte auf die geschlossene Schlafzimmertür. Seltsame Geräusche erklangen von der anderen Seite.
Langsam stand er auf und schritt auf die Tür zu. Vorsichtig öffnete er sie und wagte einen Blick auf den Flur, doch war niemand zu sehen. Während er dicht an der Wand entlang Richtung Küche schlich, wurden die Geräusche immer lauter. Ein Knarzen ertönte, als er auf eine lose Diele trat und der Lärm in der Küche verstummte. Mit klopfendem Herzen blickte er um die Ecke in den Raum hinein. Ihm stockte der Atem, als er die Unordnung sah, die in seiner Küche herrschte. Schranktüren standen offen, Geschirr lag zerbrochen auf dem Boden, auch Stühle waren umgestoßen worden, nur war weit und breit niemand zu sehen.
Nevio zündete eine Öllampe an und warf einen Blick in jeden Raum, um sicherzugehen, dass außer ihm niemand hier war.
Beunruhigt ging er zurück in sein Bett, doch schlafen konnte er nicht mehr.
Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, quälte Nevio sich müde aus seinem Bett und begann damit seine Küche wieder aufzuräumen. Erschrocken zuckte er zusammen, als es plötzlich an der Haustür klopfte. Er warf einen Blick aus dem Fenster und sah seinen besten Freund Luca. Erleichtert atmete er aus und öffnete ihm die Tür. Freudig lächelnd setzte der zu einem Guten Morgen an, jedoch brachte er keinen Ton heraus, als er Nevios verstörten Gesichtsausdruck sah.
„Du siehst müde aus“, stellte er fest.
„Ich habe nicht gut geschlafen.“
„Ist irgendetwas passiert?“ Luca ging mit besorgter Miene auf Nevio zu.
„Nein. Es ist alles in Ordnung.“ Er lächelte verlegen und hoffte, dass sein Freund die Lüge nicht durchschauen würde. Der sah ihn skeptisch an und betrat das Haus.
„Darf ich dir etwas zu trinken anbieten?“, fragte Nevio und stieg vorsichtig über einen Scherbenhaufen auf dem Küchenfußboden.
„Danke. Was ist denn hier passiert? Wurde bei dir eingebrochen?“ Luca betrat hinter ihm die Küche und traute seinen Augen kaum.
„Das ist mir runtergefallen“, antwortete Nevio. „Ich werde Tee aufsetzen“, ergänzte er und griff nach dem Kessel.
„Hoffentlich hast du noch zwei Tassen, die nicht kaputt sind.“ Luca sah sich verwundert um.
Nur wenig später saßen die beiden Männer am notdürftig gesäuberten Küchentisch und tranken Tee.
„Möchtest du mir nicht doch erzählen, was passiert ist?“, hakte Luca vorsichtig nach.
„Es ist nichts passiert.“ Nevio vermied es, ihm in die Augen zu sehen und nippte an seinem Tee. Luca lehnte sich ein Stück vor und strich ihm sanft über die Hand.
„Nevio, ich mache mir etwas Sorgen bei diesem Anblick hier. Deine Küche ist verwüstet, du empfängst mich kreidebleich an der Tür und möchtest mir trotz allem weismachen, es sei nichts geschehen?“
„Es ist nichts geschehen, weshalb du dich sorgen müsstest. Das kannst du mir glauben.“ Nevio sah ihn durchdringend an und Luca verstand, dass sein Freund nicht darüber reden wollte.
Es war bereits mitten in der Nacht, als Nevio von seiner Arbeit in einem nahe gelegenen Wirtshaus nach Hause kam. Müde und erschöpft ließ er sich in sein Bett fallen, doch war ihm auch in dieser Nacht der wohlverdiente Schlaf nicht vergönnt. Nur kurz nachdem er eingeschlafen war, wurde er erneut durch lautes Poltern in seinem Haus geweckt. Schwer atmend trat er vor die Schlafzimmertür und bahnte sich vorsichtig seinen Weg bis zur Küche. Stets darauf bedacht nicht wieder auf die lose Diele im Flur zu treten, stieß er sich den Fuß an einer Kommode. Er biss sich auf die Unterlippe und ging mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Knie. Der Lärm in der Küche verstummte. Langsam stand Nevio wieder auf und warf nervös einen Blick hinein. Jedoch war nichts außer der gleichen Unordnung wie in der vorangegangenen Nacht zu sehen.
Schweigend stand er auf dem Flur und zweifelte an seinem Verstand. Auch heute war außer ihm niemand im Haus zu sehen. So fragte er sich, wie dieses Chaos schon wieder hatte entstehen können.
Er war sich sicher, dass er es nicht selbst gewesen war, und überprüfte noch einmal Türen und Fenster. Die waren jedoch alle verschlossen.
Er stand am Küchenfenster und sah nachdenklich auf den Weg vor seinem Haus, als sich plötzlich ein Schatten in der Scheibe spiegelte. Erschrocken fuhr er herum, doch die Küche war nach wie vor leer. Hastig atmend ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen, um sich zu versichern, dass außer ihm niemand hier war. Als er sah, wie ein weiterer Teller auf ihn zugeflogen kam, erschrak er und duckte sich. Der Teller zersprang am Fensterrahmen und ließ das Glas der Scheibe zersplittern. Schmerzhaft zerschnitten die Scherben seinen Rücken und seine Arme.
Mit zittrigen Händen stand er an einer Waschschüssel und versuchte seine Verletzungen zu säubern. Mit schmerzverzerrtem Gesicht zog er einige kleinere Scherben aus seiner Haut und starrte fassungslos in den Spiegel, der vor ihm auf der Kommode stand. Er verstand nicht, was in seinem Haus passierte, und befürchtete schon, langsam verrückt zu werden.
Copyright © 2022 Akela Fisher
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Lektorat:
„Die Flinke Feder“