Diese Leseprobe enthält Informationen aus dem vorherigen Band Cruelty of Fate und könnte wichtige Wendungen der Handlung verraten.
Wir verließen Koamare, um nach einem schweren Verlust in der Ferne einen Neuanfang zu wagen. Unser Ziel war das Meer und der Weg zur Küste lang, so reisten Keijo und ich viele Wochen durch das Land, bis wir schließlich dessen Grenze erreichten. Nie zuvor war ich derart weit von meiner Heimat entfernt gewesen. Ganz im Gegensatz zu Keijo, der den Weg sicher auch mit verbundenen Augen hätte finden können. Was wir auf unserer Reise sahen und erlebten, ist kaum in Worte zu fassen, dennoch möchte ich davon erzählen …
Endlos weite Wiesen und Felder, reißende Flüsse und plätschernde Bäche erstreckten sich zwischen den Städten und Dörfern, die Keijo und Lijan auf ihrer langen Reise passierten. Sie kamen an dichten grünen Wäldern vorbei, um die sie allerdings auf Keijos Wunsch hin stets einen großen Bogen machten. So idyllisch das dichte Grün auch war, so erinnerte es Keijo doch ausschließlich an das schwere Schicksal, das seine geliebte Kajsa ereilt hatte. Monate waren seit ihrem Tod vergangen, doch Keijo schaffte es einfach nicht, diesen Verlust zu verarbeiten. Tatsächlich versuchte er die meiste Zeit über das Geschehene zu verdrängen, was ihn aber viel Kraft kostete. Gerne hätte Lijan ihm geholfen, nur wusste er nicht wie. Er hoffte seine bloße Nähe würde ihm den Halt geben, den er brauchte. Auch er selbst litt nach wie vor sehr unter Kajsas Tod – war sie doch seit Kindheitstagen ein wichtiger Teil seines Lebens gewesen. Zu wissen, dass er sie niemals wiedersehen, noch mit ihr reden konnte, brach ihm das Herz.
Wann immer sie durch die Anstrengung der Reise müde wurden, kehrten sie in die Wirtshäuser der kleinen Orte ein, die auf ihrem Weg lagen. Jedoch blieben sie nirgends länger als nötig. Wirklich feindselig gesinnt schien ihnen zwar niemand, doch zogen sie oft argwöhnische Blicke auf sich, sobald die Einheimischen bemerkten, dass sie sich ein Zimmer teilten. Diese Nachricht verbreitete sich besonders in den kleineren Orten, in denen sie rasteten, wie ein Lauffeuer.
»Was tust du da?«, fragte Keijo, als er für einen Augenblick von seiner Staffelei aufsah und Lijan am Tisch sitzend beim Schreiben erblickte. Wann auch immer die beiden irgendwo Rast machten, malte Keijo Portraits seiner geliebten Kajsa. Tatsächlich hatten auf ihrer Reise bereits einige Kunstliebhaber Interesse an seinen Bildern gezeigt, was ihnen ein willkommenes zusätzliches Einkommen bescherte. Es ergänzte das Geld, das Lijan verdiente, indem er auf Bauernhöfen aushalf.
»Ich schreibe einen Brief an Erik und Amalia«, antwortete Lijan und lächelte Keijo sanft an.
»Und was schreibst du ihnen?«
»Ach, nur das Übliche. Wo wir sind, wie es uns geht und natürlich, wie fleißig du malst.« Er steckte den Federkiel zurück in das Tintenfass und trat an Keijo heran. Dicht hinter ihm blieb er stehen und legte liebevoll seine Hände auf dessen Schultern. »Das Bild ist wunderschön.«
Keijo seufzte. »Beinah so schön wie … wie« Schluchzend brach er in Tränen aus. Lijan, dem es in der Seele weh tat seinen besten Freund so verzweifelt zu sehen, zog ihn in seine Arme und versuchte ihn zu trösten.
»Wie soll es denn nur weitergehen? Ohne sie kann ich nicht leben«, sagte Keijo mit brüchiger Stimme, während er unaufhaltsam weinte.
»Doch, das kannst du, das weiß ich. Du bist unglaublich stark und du bist nicht allein. Ich werde immer bei dir sein«, entgegnete Lijan ermutigend, obwohl auch ihm Tränen in den Augen standen.
Keijo lehnte seinen Kopf an Lijans Brust und vergrub sein Gesicht in dessen Hemd.
»Ich will hier weg«, murmelte er, als er sich wieder etwas beruhigt hatte.
»In Ordnung. Wir brechen morgen bei Sonnenaufgang auf. Vermutlich wird der Wirt auch froh sein, wenn er uns los ist«, mutmaßte Lijan und dachte an dessen unzufriedenen Gesichtsausdruck, als er ihm gesagt hatte, dass sie nur ein Zimmer benötigten.
»Vielleicht würden uns diese Blicke erspart bleiben, wenn jeder ein eigenes Zimmer hätte«, sagte Keijo nachdenklich, während er sich mit dem Hemdsärmel über die Augen wischte.
»Ja, vielleicht, aber das wäre auch doppelt so teuer. Und würdest du die Nächte wirklich gern ganz allein im Bett liegen wollen?«, fragte Lijan und sah seinen Freund ernst an. Der schüttelte nur energisch den Kopf. Vor allem nachts vermisste er Kajsa ganz besonders, ihre weiche warme Haut, das seidige rote Haar und ihren lieblichen Duft. Natürlich war Lijan kein Ersatz dafür. Nichts in der Welt könnte Kajsa je ersetzen, dennoch fühlte Keijo sich in der Gegenwart seines Freundes geborgen und das brauchte er in dieser schweren Zeit mehr als sonst etwas auf der Welt. Auch Lijan wollte seinen besten Freund in dessen Not keinesfalls allein lassen. Vor allem nachts, wenn seine Albträume ihn quälten, wollte er für ihn da sein.
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Lektorat:
„Die Flinke Feder“